Der Platz des europäischen Versprechens

Rede von Jochen Gerz zu den 49. Stadtgesprächen im Museum Bochum, 17.01.2007

„Wenn es möglich wäre, Europa noch einmal von vorne zu beginnen“, sagte Jean Monnet, der französische Vater der europäischen Gemeinschaft, „würde ich mit der Kultur beginnen.“ Die Kultur hat sicher nicht auf die Politiker gewartet, um einen Beitrag zu Europa zu leisten, dennoch ist der Satz heute, fünfzig Jahre später, so aktuell wie damals. Europa fehlt die spontane Neugier auf sich selbst, die nur die Kultur zu wecken und zu stillen weiß. In der wirtschaftlichen und politischen Praxis der Verhandlung und des subtilen Ausgleichs im Frieden sind zweifellos große Fortschritte erzielt worden und kein Tag vergeht, an dem die Gemeinschaft nicht realiter wächst. Doch die Fragen, die wir nur dank unserer Kulturen beantworten können, werden nicht gestellt. Europa ist ein Immigrant der Gemeinschaft geblieben. Im Herzen seiner Bewohner reimt sich der neue Kontinent des Friedens so gut wie auf nichts.

Was verspricht die Kultur? Sie verspricht die Identität jedes Einzelnen und jeder Gesellschaft über die engen nationalen Grenzen hinauszugeleiten an das Ufer der Begegnung. Sie kann die Brücke sein, die aus Angst und Ignoranz hinausführt in das Abenteuer der Ähnlichkeit, das Geschenk jeder Fremde. Die Kultur verspricht mehr als Schutz durch Zölle und Grenzen. Sie verspricht einen neuen Tag, der uns zu Menschen macht, die das Leben vor sich haben. Sie macht uns, trotz und nach allem was wir getan haben und was in unserem Namen geschehen ist, wieder neugierig auf uns selbst. Sie macht uns neugierig auf unseren Beitrag zur Welt, sie macht uns neugierig auf unser Versprechen. Sie verspricht uns ein neues Land, das noch nie Krieg führte und dessen Geschichte einer neuen Erinnerung bedarf, die noch vor uns liegt. Was kann die Kultur? Sie macht aus Zukunft Gegenwart. Sie macht Zukunft als ein gemeinsames Versprechen erlebbar.

Zum ersten Mal habe ich mich beim Platz des europäischen Versprechens gefragt, was ich antworten würde, wenn ich einen Beitrag zur eigenen Arbeit leisten wollte. Was wäre meine Antwort? Was wäre mein europäisches Versprechen? Was tun? Die lapidare Antwort lautet: meinen Namen geben. Die lapidare Antwort heißt: den eigenen Namen hergeben, damit er in Stein gesetzt wird. Für jetzt und für morgen.

Eine bekannte öffentliche Frage des zwanzigsten Jahrhunderts ist Josef Goebbels´: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Wir kennen die Antwort, sie war nicht nuanciert, sie war nicht geheim, sie war nicht nur sich selbst gegeben. Auch die Antwort im Berliner Sportpalast von 1943 war ein europäisches Versprechen. Wer hat es gegeben? Wer war dabei? Es gibt Leute, die sagen: „niemand“ und andere sagen: „alle“. Wir kennen die Folgen für Europa. Hüten wir uns vor Fragen, die wir zu schnell beantworten können. Fragen, die nur eine Antwort haben, sind ein Angriff auf die Menschenwürde. Hüten wir uns vor einer Zeit, die uns dazu verführt, die einzig richtige Antwort zu brüllen. Wir können Europa bedenken, wir können es im eigenen Kämmerlein und auch öffentlich bezweifeln. Wir sind frei das zu tun, doch vergessen wir nicht, dass wir und gerade wir dieser Freiheit Europas etwas schulden.

Was wäre meine Antwort? Jeder wird sich selbst nach seinem Beitrag fragen. Die Antworten bleiben geheim wie das Kreuz auf dem Wahlzettel, doch was zur Wahl steht, entscheidet jeder Teilnehmer selbst. Es geht nicht um „ja“ oder „nein“. Die Vielfalt der Antworten von hier, aber auch anderenorts als in Deutschland zeigt Europa nicht als die neue Heimat der Statistiken, sondern als die neue Heimat der Imagination. Wer die europäischen Versprechen lesen will, wird sie sich vorstellen müssen, wenn er die vielen Namen in Bochum liest, die den Platz des europäischen Versprechens füllen werden. Er wird die Versprechen nicht kaufen können, er wird sie nicht vor seinen politischen Karren spannen können, er wird sie sich eins nach dem anderen, wenn er die in den Boden gefrästen Namen in Bochum liest, vorstellen müssen. Er wird dann selbst zum Platz des europäischen Versprechens.

Das sind die Gründe, warum die Arbeit keine Frage stellt und keine Antworten veröffentlicht, warum sie die Bedingung und Entscheidung der Teilnahme so offen lässt. Teilnehmen können alle Menschen, unabhängig davon, was sie von Europa halten und was sie darüber denken. Das europäische Versprechen ist aber nicht nur eine Frage, die man persönlich oder subjektiv beantwortet, obwohl das natürlich geschehen wird. Man kann nicht verhindern und schon gar nicht verbieten, dass über Europa zu streiten ist. Im Gegenteil, es ist bewusst ein Aspekt der Arbeit, zu Diskussionen zu führen und zu Öffentlichkeiten beizutragen, die mithelfen, Europa aus der örtlichen (politischen) Betäubung zu wecken.

Oft erscheint auch in anderen Ländern des Kontinents Europa seltsam gegenstandslos. Wie ein Baum ohne Schatten. Etwas, über das man nicht spricht. So als wäre das, was die Europäer gemeinsam hätten, nicht Europa, sondern diese Gegenstandslosigkeit. Das europäische Versprechen ist eine Antwort, die jeder für sich behält und für die er seinen Namen hergibt. Wie eine Unterschrift. Die Namen, die für Unterschriften stehen, zeichnen dem Baum einen Schatten. Deshalb ist die geheime Antwort eine Manifestation und auch eine Demonstration.

Die Teilnahme alleine ist die Aussage. Wenn also Tausende in Bochum und Europa, jeder durch den eigenen Namen, ihre Teilnahme am Platz des europäischen Versprechens öffentlich machen, was bekunden sie damit?

Meine erste Antwort war: ich verspreche den Frieden. Vor dem Hintergrund der langen europäischen Geschichte, besonders der des 20. Jahrhunderts, und nicht zuletzt der Biografie meiner Generation kann heute und morgen Europa nur Frieden bedeuten. Dann fiel mir auf, dass, obwohl Europa Frieden bedeutet, auch ich einen Bogen um Europa geschlagen hatte.

Ich begriff, dass die seltsame Gegenstandslosigkeit Europas der eigentliche Grund für den Platz des europäischen Versprechens ist, dass Europas Abwesenheit und Verdrängung das Thema sind. Ich begriff, dass es um Europas fehlende Fähigkeit geht, Gegenstand öffentlicher Debatte und Demokratie zu sein. Fast plötzlich kam meine eigene Antwort: ich verspreche Europa.

Das ist das europäische Versprechen, unser Versprechen. So richtig es ist, dass die Voraussetzung für den Frieden Europa ist, noch wichtiger ist es, dass die Voraussetzung für Europa heute die Kriegszüge, Pogrome, Massaker, der Völkerhass und der Rassenwahn, die Genozide sind, die auf unserem Kontinent und anderenorts in unserem Namen zwischen „Feinden“ stattfanden, die heute, hier in Europa zumindest, Freunde sind.

Der Platz des europäischen Versprechens findet als ein Beitrag zur kulturellen Hauptstadt Europas, Ruhr 2010 statt. Es ist erlaubt darauf hinzuweisen, dass Europa nur existieren kann, wenn es gewollt wird. Es gibt viele Europäer, die bereit sind vor neuen Gefährdungen zu warnen, d.h. neuen Nachbarn. Sie sehen weniger, dass es gefährlich ist, Europa vor seiner Zeit und ihren Problemen abzuschotten. Viele dieser Probleme haben wir Europäer mit verursacht. Europa wollen heißt auf die kulturelle Geduld, Solidarität und Vorstellungskraft der Menschen bauen, die Not und Leid, gleich ob erlitten oder selbst verursacht, nicht vergessen haben. Dieses Wollen kann die Politik nicht den Wählern abnehmen. Zu viel wird Brüssel zugeschoben und zu viel wird Anderen vorgeworfen. Europa hat das Recht als Geldgeber und Auftraggeber von seiner jährlich wechselnden kulturellen Hauptstadt mehr zu erwarten als einen tiefen Griff in die gemeinschaftliche Kasse. Kulturelle Hauptstadt Europas, das heißt nicht nur cash and carry, sondern auch: was wird für die Idee von Europa getan, welche Verantwortung übernehmen wir für die Gemeinschaft? Der Platz dokumentiert nicht nur den Dank für Europa, sondern auch das Gegengeschenk an Europa.

Europa ist vielleicht ein altes Versprechen und vielleicht ein Traum, dem man schon die ersten Spuren der Vergeblichkeit ansieht. Einen radikaleren Schritt in die Zukunft gibt es für die erste Generation nach der Wiedervereinigung gerade in Deutschland nicht. In Bochum entsteht die Einladung an die Menschen aus Europa, von vielen Orten aus zur Reise in die neue Heimat aufzubrechen. Der Platz des europäischen Versprechens stellt Europa nicht als ein Werk der Vergangenheit dar, sondern als das „hier und heute“ unserer Vorstellungen und unseres Handelns.