REDE ZUR ERÖFFNUNG DES PLATZ DES EUROPÄISCHEN VERSPRECHENS

JOCHEN GERZ | BOCHUM 11.12.2015

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Liebe Teilnehmer, liebe Teilnehmerinnen,
sehr geehrte Damen und Herren,

Die Liste meiner Erinnerungen an diese Stadt ist lang. Ich weiß nicht, ob es der Fußball oder das Theater war oder das Museum, überall war Bochum eine kleine, aber feine Marke und spielte oben mit.

Es gab hier für mich die erste Museumsausstellung in 1974, den Peter-Weiss-Preis Anfang der achtziger Jahre. Die Pläne für die Produktion der Ermittlung von Peter Weiss, die ich dann in Berlin realisierte, entstanden in Bochum Anfang der neunziger Jahre mit Frank Steckel. Immer gab es interessante und engagierte Gespräche auch mit den  Verantwortlichen der Kultur der Stadt, es waren kurze Wege vom Rathaus in die Stadt und von der Kultur ins Rathaus, die überregionalen und die lokalen Szenen trafen sich nachbarschaftlich und tauschten sich aus. Bochum war ein Name und stand für etwas. Woanders gab es schon damals mehr Glitz, wie man heute sagt, doch die Standards für Kultur, die aus der Bundesrepublik wieder einen internationalen Standort nicht nur für die Künste machte, waren hier hoch und lagen nicht im Hoheitsgebiet der Lokalseite. Man könnte sogar sagen: auch die Lokalseite zog hin und wieder mit.

Die ersten Erinnerungen an den Platz hier gehen auf Fotografien, genauer gesagt Luftaufnahmen zurück und sie vermischen sich mit Aufnahmen, die ich früher oder später von der zerstörten Innenstadt mit dem Turm der Christuskirche sah. Genau entsinne ich mich an meine Ernüchterung beim ersten Anblick des Nachkriegsplatzes auf dem wir hier stehen, für den selbst der Titel Parkplatz ein Kompliment war. Mein erster Besuch in diesem Zusammenhang galt im Jahr 2004 einem Symposium, das die künftige Gestaltung eben dieses Platzes zum Thema hatte.

Wieder war es wie früher: Positionen wurden ausgetauscht, es wurde  lebhaft diskutiert. Auch dieser Besuch ist mir in bester Erinnerung geblieben, ich hatte vielleicht den Vorteil, dass ich niemand der übrigen Teilnehmer kannte und ganz frei die Situation vor Ort auf mich einwirken lassen konnte.

Entscheidend aber war die Begegnung mit einem geheimen Ort. Die damals nach außen hin verschlossene Kapelle im Turm der Kirche mit der Liste der Toten und vor allem der ganz und gar unerwarteten Liste der Feinde führte zu einer Initialzündung bei mir. Etwas daran ließ mich nicht mehr los. Wie konnte man 1931 28 Länder, darunter die eigenen Nachbarn und alle Großmächte der Erde als Feinde brandmarken? In einer Kirche und in einer Technik, dem Mosaik, aus einer anderen Zeit: für alle Ewigkeit? Auch mit den Augen von heute gesehen, hat diese Liste nichts von ihrer dunklen Absurdität verloren. Man könnte sagen: Der G20 grüßt den Exportweltmeister. Der Besuch öffnete mir einen neuen Blick auf die Epoche, die mich mein Leben lang beschäftigt hat. Ich meine die deutsche Vergangenheit. Wie konnte sich eine „normale“, abendländische Zivilgesellschaft innerhalb weniger Monate in einen der grausamsten totalitären Staaten verwandeln, den die Geschichte gekannt hat?

So kam die Frage am Ende des Symposiums in Bochum zustande, nachdem wir uns alle vergeblich daran abgearbeitet hatten, den hässlichen Platz neben dem Rathaus schöner zu machen: kann man dem Platz einen Sinn und eine Bedeutung geben? Die Plätze in Paris, da wo ich wohnte, hatten einen Grund. Sie hatten einen Namen, eine Geschichte, eben eine Bedeutung. Sie hatten nicht nur Bänke, Bäume oder einen Brunnen.

Zwei Monate später rief ein freundlicher Herr aus Bochum an und fragte: was haben Sie damit gemeint, dem Platz eine Bedeutung geben? Ich musste mich erst wieder erinnern, doch die Frage des Stadtbaurats zur Nedden führte zu einem zweiten Besuch, zu neuen Diskussionsrunden im Rathaus auch mit dem unvergessenen Kulturdezernenten Küppers, vor allem aber mit dem Pfarrer Wessel der Christuskirche. Sein Engagement dem Platz gegenüber war das erste Versprechen überhaupt. Er arbeitete in der Folge mit dem Kuratorium der Christuskirche und dem, ehrlich gesagt, wunderbaren früheren OB Stüber, die Idee in die Stadt hinein. Später hat man sich ja manchmal fragen können: wie kam der Platz nach Bochum? Ohne die erwähnten Personen wären wir heute nicht hier. Es ging also um Inhalte, es ging um den Platz in der Stadt und die Menschen der Stadt und es ging auch sehr schnell um die Menschen, die nicht in Bochum leben, denn die Bedeutung des Platzes sollte ein Gegengewicht schaffen zum düsteren Erbe der Feindesliste vor Ort, es sollte eine neue und andere Zeit zeigen, zu der wir gehören wollen. Der Platz sollte kein Pathos vertragen, keine Sonntagsreden, wie Europa sie oft hören muss, es sollte ein ehrlicher, nüchterner europäischer Ort werden, der zum Frieden, den wir miteinander, füreinander und voneinander wollen, passt.

Zur langen Arbeit selbst, die zum neuen Platz geführt hat, will ich nur kurz sagen: es war aus diesem Grund wichtig, dass der Platz nur entstehen konnte, wenn viele Menschen dazu einen Beitrag leisten würden. Er konnte nicht fixfertig hierhin kommen, so wie ihn der Künstler erfand. Er musste eine Leistung von Menschen von hier und von überall sonst in Europa sein. Aus diesem Grund gingen wir zu allererst in die Strassen in Bochum und baten Passanten um ein Versprechen für Europa. Es war nicht einfach. Keiner von uns wusste wie das geht, keiner war vorbereitet auf die ungläubigen Blicke, auf die stumme Antwort: nicht ich. Auf den Politiker, der ängstlich das Trottoir wechselte.

Teilnehmer sind keine Drückeberger, Teilnehmer sind Demokraten, die ihre Zeitgenossenschaft, ihren nicht nur ästhetischen Beitrag zur Stadt und zur Öffentlichkeit ernst nehmen. Teilnehmer stellen sich dem lokalpolitischen Populismus in den Weg. Dieser Platz ist ein Platz von heute. Wir fanden Menschen, die stehen blieben, die uns zuhörten, auch wenn sie nicht immer alles verstanden. Menschen darunter aus anderen Ländern und Kontinenten, die uns das glaubten, Europa; die mit ihren Eltern und Geschwistern wiederkamen, um gemeinsam das Papier für die Teilnahme am Platz des europäischen Versprechens auszufüllen. Sie waren stolz auf die Einladung. Manchmal kamen wir abends mit 3 oder 5 neuen Teilnehmern zurück. Warum sollten die Versprechen unsichtbar sein, war oft die erste Frage. Es wurde viel und auch kontrovers diskutiert, der Platz entstand mitten in der Stadt, die Europa heißt.

Es war noch nicht die Zeit der social media, der Petitionen, in den elf Jahren hat sich nicht nur um uns herum vieles verändert. Auch wir haben uns verändert. Europa hat sich verändert. Wir fragten bei öffentlichen Institutionen, bei Zeitungen an, ob sie ihre Besucher und ihre Leser zur Teilnahme am Platz in Bochum einladen wollten. Die erste Tausend war ein Ziel, aber auch ein Glücksmoment. Es war ein langer Weg, doch der Platz kam näher. Die elfjährige Geschichte kennen Sie selbst – dieser Platz kostet am Ende etwas weniger als 2 km geplanter Ruhr-Radschnellweg… und seine Kosten, sein Preis, das sind ja die Namen und die Namen, das sind ja die Menschen: es gab immer mehr Namen aus der Region, dem Land und aus ganz Europa. Der Platz ist nicht groß, doch hätte ich am Anfang der Arbeit nicht zu hoffen gewagt, dass so viele Menschen Europa ein Versprechen geben; jeder ein eigenes und jeder ein anderes. Jeder ein anderes, das war wichtig. Deshalb sind die Versprechen unsichtbar. Das ist die Antwort auf die Frage. Europa spricht mit viel mehr als nur einer einzigen Stimme.

Ich wünsche mir für den Platz, dass er zu etwas dient. Dass er in Zukunft benutzt wird – nicht nur von den Passanten und Besuchern, die sich morgen fragen werden, was sie selbst Europa versprechen können, sondern auch als ein Ort der Zusammenkunft, der Demokratie, der Manifestation wie mein Platz der Grundrechte in Karlsruhe. Es ist der einzige Platz weltweit, der hier in Bochum, der dem Versprechen lebender Menschen gewidmet ist und den die Namen von lebenden Menschen füllen. Nur lebende Menschen können Zivilcourage zeigen.

Als der Schriftsteller Stefan Zweig 1939 Europa verlassen musste, sagte er: Wir brauchen einen ganz anderen Mut. Er sprach nicht vom Mut, um Kriege zu führen. Er meinte damit den Mut zur Teilnahme, den Mut zur Nähe des Anderen. Er meinte nicht den Ja-Sager und auch nicht den Nein-Sager. Er meinte mit dem anderen Mut, den wir brauchen, den Mut zu Europa. Auch heute, so viele Jahrzehnte später, geht es um diesen Mut. Das ist die Botschaft des Platzes, den wir heute eröffnen.