Danke sagen ist wichtiger als zu wissen wofür

Rede von Jochen Gerz zur Übergabe der ersten Namensplatte des Platz des europäischen Versprechens in Bochum am Europatag, 10.5.2009

Wenn es darum geht, ein neues Stück öffentlichen Raumes zu schaffen, darum, einen neuen Ort der Stadt zu benennen, ihn einzuweihen oder zu eröffnen, nennt man das auch eine Übergabe. Man übergibt das neue Stück Stadt. Darin steckt das Wort Gabe. Wer erschafft eine Gabe, wer macht sie, wie man auch sagt, und wer empfängt sie? Gleichwie, die Assoziation zu Danke sagen ist nicht weit. Wer etwas, eine Gabe erhält, der kann danken.

„We live in a rational world“ hieß es, glaube ich, bei Emerson, Lake and Palmer in den sechziger Jahren. Seither ist die Welt rationaler geworden. Man kann es sich leicht machen: es wird die erste Namensplatte des künftigen Platz des europäischen Versprechens eingeweiht und damit ein erstes Stück des neuen Ortes von Bochum der Öffentlichkeit übergeben. Das riecht nach Verwaltungsakt und das ist auch einer. Die Stadt Bochum ist Hausherr des öffentlichen Raums, sie wird am letzten Tag des europäischen Kulturhauptstadtjahres, am 31. Dezember 2010, den dann fertigen Platz der Öffentlichkeit übergeben. Und genau so kann man fortfahren. Wenn die Präsidenten der Parlamente in Brüssel und Berlin uns hier die Ehre ihrer Gegenwart geben, dann kann man auch in ihrem Kommen einen Verwaltungsakt sehen. So einfach scheint das und so einfach ist es eben nicht.

Gleich womit ich beginne, mit der Stadt Bochum, dem Auftraggeber, mit dem Platz des europäischen Versprechens selbst, mit seinen Teilnehmern, ohne deren Beitrag er nicht entstehen kann, mit Europa, mit der europäischen Kulturhauptstadt – was für eine verrückte und wunderbare Idee – , mit dem Ort hier, an dem wir stehen (wir stehen hier nicht nur neben der Christuskirche, dem alten Turm und seiner Liste der Feinde Deutschlands – der neue Platz, der hier heute übergeben wird, ist Teil der Kirche selbst) oder ob ich mit mir selbst beginne, überall verlassen wir sofort den Verwaltungsakt. Wir sind nicht zur Besichtigung eines fertigen künstlerischen Werkes zusammengekommen.

Wir treffen uns quasi mitten im Fluss, an einer Stelle im Fluss, die nicht ohne Gefahren ist. Es gibt Strömungen zu durchqueren, Treibsand zu vermeiden und trügerische Stromschnellen im Fluss und der Lokalpolitik im Wahlkampf zu umschiffen. Vieles ist zusammengekommen, um uns bis hierhin zu bringen, das stimmt und es ist nicht mondän, wenn ich das sage. Die Stadt Bochum hat den öffentlichen Prozess getragen, der den Platz des europäischen Versprechens ermöglicht. Sie ist in die Vorlage getreten und ich hoffe, dass sie bei der Finanzierung Hilfe findet. Wir befinden uns hier mitten in der entstehenden, unfertigen, schon über zweijährigen öffentlichen Anstrengung und auch dafür möchte ich Bochum, den Bochumern und den vielen Teilnehmern aus Europa danken.

Wer meint, das Thema dieses Platzes sei die Garantie dafür, dass man ihn leicht verstehen und einfach vermitteln könne, der irrt. Europa führt in uns eine eigenartig unwirkliche Existenz, ein Schattendasein. Europa wird von den meisten Menschen wie ein selbstverständliches Schicksal, zu dem es keine Alternative gibt, geduldet. Europa ist kein Thema, man spricht nicht davon und ist am liebsten nicht so häufig daran erinnert. Wehe, Europa stellt sich selbst zur Wahl oder zur Diskussion oder erlaubt es uns demokratisch entscheiden zu müssen, wer und was in Zukunft wirklich Europa sein oder nicht sein soll. Wir dulden Europa wie ein Königshaus. Über das Königshaus nachdenken wollen die wenigsten. Königshäuser erfinden keine Referenden. Königshäuser geben Schutz, versprechen Ruhe, Tradition und leichte Unterhaltung.

Nicht nur die Bürger der momentan 27 Länder werden Zeit brauchen, ehe sie mit ihrem immer wieder neuen, fremden Zuhause etwas anfangen können, die Nationen selbst sind noch weniger reif für den Quantensprung. Wir sind dafür, dass es keinen Krieg mehr gibt in Europa, wir sind bereit für eine gemeinsame demokratische Zukunft, doch je mehr die Kriege und Genozide Geschichte werden, um so weniger sind wir motiviert, den Preis für eine reale, unbequeme europäische Integration zu zahlen. Wir bleiben lieber im Niemandsland der überstaatlichen Symbolik, der Verwaltungstitel und der politischen Simulation. Das ist Brüssel, die ungeliebte europäische Zitadelle und der Zufluchtsort, ja der Traumort vieler Nichteuropäer; Europa, das geschlossene, selbstvernarrte System, das keine Zeit für die Welt drinnen und draußen zu haben scheint. Ein Europa, das sich selbst nicht erfährt, erlebt und empfindet.

Wer das sagt, hat leicht die falschen Freunde. Europa sieht den Staaten ähnlich, die Teil davon sind. Ich habe in mehreren Ländern der Union gelebt und es ist schade, dass es bislang nicht zu den Wanderjahren eines jungen Europäers, der Politiker werden will, gehört, intensiver Europa im eigenen Leben als Wohnort zu praktizieren, ehe es Teil der politischen Karriere wird.

Europa ist ein wunderschönes Land, ich sage das mal einfach so dahin. Klassische Musik in Belgien ist nicht das gleiche wie klassische Musik in England, Literatur der Moderne in Italien ist nicht moderne Literatur in Rumänien, alles ist tatsächlich überall gewachsen, doch immer anders. Europa ist fast zu viel für ein Leben, man brauchte mehrere Menschenleben, um auch nur in etwa seinem Reichtum gerecht zu werden. Es ist ein in jeder Hinsicht enormes und eben auch erdrückendes Erbe, das zu großer Bescheidenheit einlädt, ja fast dazu, den Mut zu verlieren und sich kleineren Aufgaben zu stellen. Es ist etwas gewachsen, das durch die Jahrhunderte immer wieder neu Phoenix, Traum, Utopie war. Doch hat es nach einer so langen Geschichte noch nicht einen einzigen Tag erlebt, auf den es real zurückblicken kann. Europa war noch nie Europa. Europa ist immer noch ungeschehen.

Utopien können gefährlich sein, wir haben Recht, uns vor politischen Sirenen zu hüten. Das ist eine Lehre aus vielen europäischen Vergangenheiten, nicht nur der eigenen. Doch wir dürfen unseren eigenen Beitrag niemand überlassen, auch nicht unseren Kindern. Wir dürfen den eigenen Beitrag nicht auf die Dauer verschieben. Wir leben heute immer noch in der Nähe des Kriegs in Europa.

Nationalismus, Rassismus, Fremdenhass, Chauvinismus spielen unter Europäern eine kleinere Rolle als früher, doch solange wir nicht unser eigenes Land und uns selbst tagtäglich neu zu den Migranten zählen, die am Tor der Gemeinschaft stehen und klopfen, immer wieder klopfen, wird der heutige Zweckverband nicht Europa. Wir leben solange in der gefährlichen Nachbarschaft des Kriegs – der Krieg ist eine Jahrhunderte alte Abhängigkeit unserer Zivilisation und man wird das nicht per Dekret los – wie wir nicht in der eigenen nationalen und politischen Wirklichkeit klar machen, dass die Nationen in Europa nicht unsere Zukunft sind. In Berlin, in Warschau, in Madrid wird gesagt: wir sind auf dem Weg. Aber wohin? Die europäischen Nationen der Union und ihre politischen Institutionen müssen den Staffelstab weitergeben. Niemand kann sie zum Glück in Frage stellen, wenn sie sich nicht selbst in Frage stellen. Das ist europäische Friedenspraxis, denn genau an dieser Stelle entstanden bisher Kriege.

Europa ist blass, weil seine Adern alt werden und verkalken. Die Nationen verkalken, trotz neuer Technologien, trotz immer neuer Produktionsrekorde.

Wer ist der Souverän in der Demokratie? Bei wem liegt die Verantwortung für die politischen Zustände? Jede demokratische Verfassung schreibt dem Bürger die Rolle des Souveräns zu. Wie kommt es, dass die Bürger nicht merken, dass sie ihr eigenes Verhalten, ihre radikale Passivität und Teilnahmslosigkeit meinen, wenn sie „die Politik“ kritisieren?

Es macht keinen Sinn über etwas zu sprechen, wenn wir nicht über uns selbst sprechen. Brüssel ist nicht weit entfernt von Berlin und von Berlin bis zu uns ist es noch näher. Wir haben Modell gestanden für die Demokratie. Die Demokratie ist unser Portrait. Wenn wir zu Abzockern werden, die nur nehmen wollen und nicht geben, wenn wir lieber zu Hause bleiben als selbst mitzuspielen, dann läuft der Ball an uns vorbei. Zu viele Leute schauen zu. Zu viele Bürger sitzen auf ihrer eigenen Kreativität wie einem durchgesessenen Kissen. Es ist nicht leicht, Menschen in Europa einzuladen oder gar für ihren eigenen Beitrag zu gewinnen.

Der eigene Beitrag? Was heißt das, fragen die Menschen, die wir einladen, am Platz des europäischen Versprechens teilzunehmen. Wie wenige Beispiele gibt es für das Verhalten, zu dem wir einladen. Gibt es eine Musik, die alle, die sie hören wollen, zu Musikern macht? Gibt es eine Skulptur, die durch die Teilnahme ihrer Betrachter entsteht? Gibt es ein Buch, das seine Leser schreiben? Wie können wir unsere Gesellschaften spielerischer, freier und kreativer machen? Der erste Schritt ist ein kleiner Schritt, der erste Mut ist ein kleiner Mut. Es ist die eigene, intime Entscheidung.

Wir wurden auch oft gefragt, warum das europäische Versprechen bei jedem Teilnehmer selbst bleiben sollte, warum es nicht Teil des Sichtbaren auf dem Platz wird. Die Antwort heißt: es geht nicht um das Stein gewordene, ewige Versprechen, es geht um Erinnern und Vergessen. Und mehr noch geht es um den kleinen ersten Schritt in die eigene Teilnahme, die intime Entscheidung. Hier sagt nicht jemand, ich bin Teilnehmer von, hier sagt eine oder einer: ich bin. Aber dieses Sein findet nicht im eigenen Selbst sondern im Anderen statt. Der Andere ist mein Hüter, er ist auch die Spur meines Versprechens. Der Andere ist meine Identität und nichts ist eine vitalere Metapher hierfür als Europa.

Das Versprechen, das ich mir gebe, verschwindet mit mir und kommt zum Platz zurück mit jedem Besucher, der es nicht finden kann. Es sei denn, er stellt es sich vor. Deshalb stehen nur Namen auf dem Platz. Das ist so wenig im Vergleich zu allem was man sich vorstellen kann und was in der Vorstellung entsteht wenn man über die Namen läuft. Tausende Versprechen, unsichtbar und unhörbar. Wer kann sie aus ihrem Dornröschenschlaf wecken? Jeder von uns, wenn wir eines Tages, in ein paar Monaten hier wieder stehen. Der Mensch ist ein Raum der Vorstellung. Jeder von uns wird dank der eigenen Imagination zum Statthalter des Anderen und zum Platz des europäischen Versprechens. Und das kann nur geschehen, wenn wir diesen Ort hier in Bochum nicht so wahllos konsumieren können wie ein Schnäppchen im Kaufhaus.

Ohne unsere Teilnahme wäre der Platz nicht entstanden und ohne unsere Vorstellungskraft, wird er, wenn er fertig ist, für immer Fragment bleiben.

Einige Menschen fürchten, das unveröffentlichte Versprechen könnte ein Versprechen gegen Europa sein. Neo-Nazis könnten sich auf dem Platz verstecken. Ich wäre froh, wenn der Platz ein Angebot für alle Beiträge wäre, nicht nur die, die wir als kritiklos, konform oder sympathisch empfinden. Je inklusiver das ist, was wir Kultur nennen, umso weniger Menschen wird es geben, die sich ihr verschließen oder sich von uns ausgeschlossen fühlen.

Europa ist mehr als ein „ja“ oder „nein“. Von der Kultur kann man das gleiche sagen. Bill Shankley, der Trainer, an den sich Liverpools Fans so lange erinnern werden wie an der Anfield Road Fußball gespielt wird, sagte: Fußball ist keine Entscheidung um Leben und Tod, es ist viel wichtiger als das. Es ist ein Glück, dass wir mit „ja“ oder „nein“ in der Demokratie abstimmen können. Die Demokratie wächst nicht auf den Bäumen, sie ist ein Ergebnis und ein fragiler Ausdruck unserer Geschichte. Wir sind froh, dass wir sie haben. Jean Monnet, den man den Vater Europas genannt hat, sagte: „Wenn Europa noch einmal von vorne zu beginnen wäre, würde ich mit der Kultur anfangen“. Er meinte vor allem eins: Europa darf nicht zur Verwaltungssache werden. Gleich was wir zur Priorität machen, Wirtschaft, soziale Gerechtigkeit, die politischen Institutionen, aber genau so Kultur – die Europäer werden nicht mitmachen, wenn unsere Prioritäten Verwaltungssache bleiben. Und Europa ist überall, es beginnt in unseren Leben, in unserer Straße, in unserer Stadt.

Der Mensch ist ein inhaltsbegabtes Animal. Er lebt von einem Futter, das er selbst erfindet: die Imagination. Dem Mensch, der nicht kreativ sein kann, fehlt jeder Respekt. Jeder will der Autor seines Lebens sein und das große Buch vor uns voll mit weißen Seiten ist Europa. Es stimmt nicht, dass es vollgeschrieben ist mit den Meisterwerken der Vergangenheit. Es ist das Geschenk unserer eigenen Kreativität an uns. Alle sollen mithelfen, es zu schreiben.

Ein kurzes Postskriptum: der Titel dieses Beitrags heißt: Danke sagen ist wichtiger als zu wissen wofür. Der Lohn der Kreativität ist nicht materieller Lohn, sondern die eigene Dankbarkeit. Kreativität kann keine Politik sein und auch keine Religion und vielleicht auch nicht Kunst. Aber umgekehrt kann alles zu Kreativität werden. Sie lässt sich nicht vor fremde Karren spannen. Sie ist ihr eigenes Ding. Aber eins kann sie werden: Dankbarkeit. Die wendet sich an keinen Gott, Michelangelo oder Führer, sie ist da, ohne Absender und Anschrift, wie eine kleine, nicht unangenehme Verwirrung. Wir überraschen uns selbst. Sie sehen, mitmachen lohnt.

Danke für Ihre Geduld.